Nairobi: Jugendliche im Slum begleiten

«Teacher Christine» wurde sie von ihnen genannt – von den ehemaligen Strassenjungs, mit denen sie im Mukuru Slum am Rande Nairobis arbeitete. Christine Blaser, Sozialarbeiterin aus Zürich, kommt von ihrem Jahrespraktikum mit COMUNDO in Kenia reich an Erfahrungen zurück.

«Teacher Christine, when do we build cars again?» Autos aus PET-Flaschen basteln – das war ein sehr beliebter Teil des Kunst-und Werkunterrichts, den Christine Blaser jeden Freitag für die «Jungs» hielt. «Die Jungs», das waren die zwanzig ehemaligen Strassenjungen zwischen sechs und 16 Jahren, die im Halfway House wohnten, einer Art Übergangswohnheim mit Betreuungsangebot im Mukuru Slum bei Nairobi. Ziel des Halfway Houses ist es, die Kinder von der Strasse zu holen, sie wieder an eine Tagesstruktur zu gewöhnen und sie nach etwa einem halben Jahr möglichst wieder in ihre Familien zu integrieren. Ein spannendes Arbeitsfeld für eine Sozialarbeiterin.
 
Harte Lebensumstände
Der Bedarf an Sozialarbeiterinnen und Streetworkern ist gross in Mukuru: Die Gegend ist dicht besiedelt, das Leben ist hart, die Menschen leben in extremer Armut. Gewalt und Kriminalität sind allgegenwärtig, Kinder erfahren oft Missbrauch und Vernachlässigung. Etliche von ihnen müssen irgendwie ein Einkommen finden oder betteln, andere verbringen einen Grossteil des Tages unbetreut zu Hause oder leben auf der Strasse.  
Eine der Organisationen vor Ort, die das Leben der Slumbewohner/innen verbessern will, ist MSDP (Mukuru Slums Development Projects), eine Partnerorganisation von COMUNDO. MSDP engagiert sich unter anderem für das Empowerment von Kindern und Jugendlichen: Sie sollen ihre Stärken entdecken und ausschöpfen können und damit ihre Möglichkeiten zur Erwerbsarbeit verbessern.
 
Aus wenigem viel machen
Christine Blaser arbeitete bei MSDP einerseits in der Administration, wo sie bei der Vereinfachung der Fallführung half. «Wir führten spezielle Meetings ein, damit die Mitarbeitenden über die einzelnen Fälle der Jugendlichen sprechen und jeweilige Informationen ergänzt werden konnten», schildert sie. Sie erstellte auch neue Dokumentvorlagen. «Ausserdem führte ich ein Bezugspersonensystem ein, damit Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten geklärt sind.»
 
Und sie arbeitete auch direkt mit den «Jungs». «Ich unterrichtete unter anderem Life skills, wo es darum ging, aus wenigem viel zu machen: Wir haben kein Geld, um Brot zu kaufen, dann backen wir eben selbst welches. Wir haben kein Geld für Wassermelonen, aber wenn wir der Melone im Garten gut Sorge tragen, wächst sie, und wir können immer neue Melonen anpflanzen», gibt sie als Beispiel. Nebst Gärtnern, Kochen und Backen war vor allem ihr Kunstunterricht sehr beliebt, es wurden etwa Spielsachen gebastelt oder Armbänder geknüpft. «Wir versuchten, Dinge herzustellen, ohne Kosten zu generieren. Die Botschaft war: ‹Seid kreativ!›»
 
Die eigenen kreativen Talente zu entdecken und für ihr Schaffen Komplimente zu bekommen, war ein wichtiges Erlebnis für die Kinder. «Die meisten konnten kaum richtig schreiben. Dann zu hören, wie schön sie etwas gemacht haben und zu merken: ‹Meine Hände können tolle Sachen machen›, stärkt den Selbstwert und das Selbstvertrauen», so Christine Blaser.
 
Bessere Voraussetzungen ermöglichen
Durch die Arbeit mit den Händen sollte auch die Konzentrationsspanne der Kinder langsam wieder aufgebaut werden – eine wichtige Voraussetzung für eine spätere berufliche Tätigkeit. «Sie hatten lang keine Struktur mehr, mussten sich nie konzentrieren, viele hatten Drogenprobleme. Ich sagte den Mitarbeitenden: ‹Wie wollen wir ein Kind von der Strasse einfach in eine Schulstruktur mit Frontalunterricht verfrachten? Lasst uns sie wieder etwas aktivieren und ihre Konzentration fördern, damit sie wieder lernen, an etwas dranzubleiben.›» Tatsächlich trug dieser Ansatz Früchte.
 
Nach rund sechs Monaten im Halfway House war es jeweils das Ziel, die Kinder in ihre Familien zu reintegrieren. Christine Blaser begleitete diese Prozesse ebenfalls und besuchte die Familien. Nicht immer gelang die Wiederzusammenführung. «Wenn die Reintegration schwierig und die Jungs schon älter waren, versuchten wir, sie an eine Institution weiterzuleiten, wo sie mit Fertigkeiten eines Lehrlings ausgestattet wurden, zum Beispiel durch Kurse im Frisieren oder Klempnern. Ziel war, dass sie in die Selbständigkeit entlassen werden konnten.»
 
Eine Erfahrung fürs Leben
Nicht nur für die Kinder im Halfway House und die Mitarbeitenden von MSDP, sondern auch für Christine Blaser war ihr Einsatz mit COMUNDO eine bereichernde Erfahrung. «Ich wurde nicht als Praktikantin betrachtet, sondern als reguläre Mitarbeiterin und teils auch Beraterin, und wurde sehr gefordert. So konnte ich mich als Sozialarbeiterin stärken», sagt Christine Blaser rückblickend.
Aber auch auf persönlicher Ebene habe sie viel mitnehmen können, sagt sie. «Ich habe mehr Geduld, ich kann besser warten und mehr im Moment sein, statt immer schon Pläne für den nächsten Schritt zu machen. Ich nehme Änderungen sicher lockerer an und schliesse mit Dingen, die nicht so geklappt haben wie gedacht, schneller ab.» Und dann wären da noch die vielen Freundschaften, die sie schliessen durfte: «Ich werde immer mit gewissen Menschen in Nairobi verbunden sein», weiss sie.
 
Die Nachwirkung ihrer Arbeit abzuschätzen, fällt ihr schwer: «Man denkt wohl oft, jetzt habe man jemandem etwas Bestimmtes beigebracht, dabei hat man ihm stattdessen unbewusst etwas ganz anderes beigebracht, dass vielleicht genauso wichtig ist», reflektiert sie. Dass ihre Präsenz aber einen Unterschied gemacht hat, davon ist sie überzeugt. «Wir haben viel voneinander gelernt.
Das Kostbarste, was während meines Jahres bei MSDP erarbeitet wurde, waren nicht die vom Team und mir erstellten Arbeitsabläufe und Vorlagen, sondern die Erweiterung und Bereicherung des Horizontes von uns allen.» Christine Blaser möchte nun wieder eine Stelle in der Sozialarbeit finden und sich in Richtung Mediation und Krisenintervention weiterbilden.
 
Text: COMUNDO/Sylvie Eigenmann

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