Angriff auf die Frauenrechte in Lateinamerika

Die Theologin Sandra Lassak war bis Ende 2018 als Landeskoordinatorin von COMUNDO in Lima tätig. Im Interview berichtet sie von der zunehmenden Gewalt gegen Frauen und Rückschritten im Bereich der Geschlechtergleichstellung. Umso mehr sollte die Entwicklungszusammenarbeit die Förderung der Frauenrechte in den Fokus nehmen, findet sie.

Wie steht es um die Gleichstellung von Frau und Mann in Peru?
Sandra Lassak: In Lateinamerika geht es für Frauen häufig um Tod oder Leben: Seit Anfang Jahr gab es alleine in Peru elf Morde an Frauen. Laut einer Studie gehört Lima zu den weltweit fünf gefährlichsten Städten für Frauen. Vor diesem Hintergrund rücken Forderungen wie «Gleicher Lohn für gleiche Arbeit» oder ein längerer Elternurlaub in den Hintergrund.
 
Was sind die Ursachen für die weit verbreitete Gewalt gegen Frauen?
Je stärker die Frauenbewegungen werden, desto vehementer schlagen ultrakonservative Kräfte zurück. Diese sind auch in Lateinamerika auf dem Vormarsch und bekämpften Fortschritte und Selbstverständlichkeiten, die im Bereich der Gleichstellung von Frauen – oder auch von Homosexuellen – in den letzten Jahrzehnten erreicht werden konnten. Meiner Meinung nach handelt es sich um eine gefährliche politische Entwicklung, welche den sozialen Frieden in Peru und anderen Ländern Lateinamerikas gefährdet.
 
 
«Das Gesetz ist fortschrittlich, der Justizapparat aber bestechlich»
 
 
Was unternehmen staatliche Akteure und die Kirchen angesichts der vielen Frauenmorde?
Gewalt gegen Frauen wird oft als private Angelegenheit behandelt, anstatt sie als Teil eines politischen und gesellschaftlichen Problems zu verstehen. Deshalb fühlt sich die Regierung kaum verantwortlich, Gegensteuer zu geben. Die Gesetzlage ist zwar relativ fortschrittlich, so wird z.B. Vergewaltigung hart bestraft. Doch der Justizapparat ist bestechlich. Oft kommt es gar nicht zu einer Verurteilung oder nicht mal zu einer Anzeige, weil die patriarchale Mentalität als selbstverständlich hingenommen wird und Frauen nicht genügend über ihre Rechte informiert sind. Angesichts dieser Situation gewinnt die Bildungsarbeit privater Organisationen an Bedeutung, so z.B. der ökumenischen Vereinigung  AETE, eine Partnerorganisation von COMUNDO, bei der ich die letzten Jahre mitgearbeitet habe.
 
Welche Ziele verfolgt AETE?
AETE ist eine theologische Bildungsinstitution, die unter anderem Kurse zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen anbietet und dadurch ein kritisches Bewusstsein fördern und gesellschaftliche Veränderungsprozesse anstossen möchte. Gendergerechtigkeit ist neben Theologie und Interkulturalität ein zentrales Thema der Bildungsarbeit, denn sie bildet eine wichtige Voraussetzung für den Aufbau demokratischer Strukturen. Frauen sollen über ihre Rechte aufgeklärt und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden, damit sie für ihre Anliegen eintreten können. Neu im Angebot hatten wir einen Kurs zum Thema «Neue Maskulinitäten». Damit wollten wir auch Männer dazu motivieren, sich mit Genderthemen auseinanderzusetzen und neue Formen von Männlichkeit zu erforschen. Leider nahmen aber auch in diesem Kurs vor allem Frauen teil.
 
Und welche Rollen spielen die Kirchen?
Meist behindern die Kirchen eine Veränderung hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit. Die katholische Kirche präsentiert sich weiterhin mit einer rigiden Sexualmoral sowie frauenfeindlichen und homophoben Haltungen.
Fundamentalistische evangelikale Kirchen mobilisieren sogar sehr stark gegen Genderthemen. Sie stellen feministische Bewegungen als Bedrohung für die Moral und den Zusammenhalt der Familie dar und schrecken auch nicht vor offensichtlichen Falschaussagen zurück. So versuchen sie beispielsweise Sexualaufklärung aus dem Lehrplan zu entfernen, weil diese Kinder zu sexuellen Handlungen und zur Homosexualität verleiten würde. Diesen Fundamentalismus nehme ich als echte Bedrohung wahr, da die Akteure gut organisiert sind und dank finanzieller Mittel aus den USA grossen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung haben. Mit ihren Kampagnen, Plakaten, Protesten und Kundgebungen sind sie praktisch omnipräsent. Bei all dem geht es vor allem darum, rechtskonservative politische Interessen zu legitimieren und durchzusetzen.
 
Frauenbewegungen haben in Lateinamerika eine lange Tradition. Wofür kämpfen die Frauen?
Es geht um Protest gegen die immer brutalere Gewalt gegen Frauen und um die Forderung auf Selbstbestimmungsrechte über den eigenen Körper, resp. das Recht auf Abtreibung. 2015 entstand mit der Bewegung #NiUnaMenos eine neue Welle feministischen Protests. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden: Jetzt reicht‘s, wir akzeptieren keinen einzigen Frauenmord mehr! Millionen von Frauen machten auf den Strassen Limas, wie in ganz Lateinamerika, auf die unhaltbare Situation aufmerksam und solidarisierten sich in den sozialen Medien. Es ist eine grosse Aufbruchsstimmung spürbar: Auch junge Frauen beteiligen sich an vorderster Front an Demonstrationen. Im Gegensatz dazu ist bei jüngeren Frauen in Europa eine Tendenz spürbar, zu traditionellen Rollen zurückzukehren.
 
 
«'Buen vivir' – im Einklang mit der Natur»
 
 
COMUNDO setzt sich in Peru für die Rechte der indigenen Bevölkerung ein. Inwiefern engagieren sich indigene Frauen für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern?
Viele indigene Frauen sind gegenüber westlich geprägten feministischen Bewegungen kritisch eingestellt und verstehen diese als eine neue Form der Kolonisierung. Ihre Lebensrealitäten werden in den Forderungen modernen Frauenbewegungen nicht berücksichtigt: So ist zum Beispiel das Recht auf Abtreibung für indigene Frauen keine neue Errungenschaft. Sie können mit Hilfe natürlicher Mittel seit eh und je selbst über eine Empfängnis bestimmen. Im indigenen Feminismus geht es zudem nicht nur um die Überwindung der Männerherrschaft, sondern auch um eine gänzlich neue Gesellschaftsordnung in Anlehnung an das indigene Konzept des «Buen vivir», eines Guten Lebens, das auf anderen Gemeinschaftsformen sowie einem auf Wechselseitigkeit beruhenden Verhältnis zwischen Mensch und Natur basiert.
 
Wie kann COMUNDO als Entwicklungsorganisation zur Stärkung der Frauenrechte in Peru beitragen?
Die meisten Partnerorganisationen, mit denen COMUNDO zusammenarbeitet, finden Gender wichtig, ohne genau zu wissen, was es bedeutet. Zudem haben sie oftmals selbst noch recht hierarchische, patriarchale Strukturen. Hier können wir ansetzen und mit Partnern den Austausch über Gleichstellungsfragen fördern, z.B. in Form von Workshops oder Weiterbildungen. Angesichts der zunehmenden Gewalt gegen Frauen und der politischen Entwicklungen, welche Fortschritte bei der Gleichstellung zunichtemachen, sollte die Stärkung der Frauenrechte in der Entwicklungszusammenarbeit und auch für COMUNDO weiter an Bedeutung gewinnen.
 
Interview: COMUNDO, Simone Bischof
 

VERANSTALTUNG
Am RomeroTag «Rechte statt Rosen!» vom Freitag, 22. März 2019 im RomeroHaus Luzern hält Sandra Lassak ein Impulsreferat über die Situation der Geschlechtergerechtigkeit in Lateinamerika. Im Anschluss werden unter der Leitung von Gender- und Menschenrechtsexpertinnen und -experten parallele Workshops zum Thema angeboten.

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