«Warum ich früher aus Nicaragua zurückkehrte»

COMUNDO ist besorgt um die Sicherheit der Fachpersonen. Nicole Attanasio erzählt, weshalb sie dennoch ihren Einsatz in Nicaragua abkürzte.

Nicole Attanasio

«Nach den ersten Gewaltausbrüchen begann ich, mit dem Bus zur Arbeit zu fahren, und vermied den üblichen Spaziergang durch den Park und den Markt der Stadt. Ciudad Sandino war ebenfalls von den Zusammenstössen bewaffneter Gruppen betroffen. Die neue Infrastruktur der Sozialversicherung war in einer Nacht ebenso zerstört worden wie ein Teil des Rathauses. Niemand traf sich mehr auf der Strasse. Der riesige Vorort von Managua war plötzlich zu einem üblen Film ohne Ton geworden. Ein Schuss in der Ferne reichte aus, um das Herz in die Kehle springen zu lassen. Nur bei der Arbeit war es möglich, den Emotionen dieser langen und schwierigen Tage eine Stimme zu geben: Meine Organisation 'Fe y Alegría' organisierte viele Treffen, um die Ängste und Sorgen des Teams aufzufangen. Wir alle waren zutiefst erschüttert von der plötzlichen Eskalation der Gewalt und den Ungerechtigkeiten, die im ganzen Land beobachtet wurden.

Jugendliche zu Sündenböcken gemacht
 
Die Zweifel an der Durchführung unserer geplanten Aktivitäten mit den Schülern/-innen wurden immer deutlicher und konkreter. Wochenlang war es unmöglich, Workshops ausserhalb des Rathauses zu organisieren, und es war sehr schwierig, eine hohe Teilnahme an unseren Angeboten in den Schulen zu erreichen. In einigen Fällen betrug die Unterrichtspräsenz noch zwischen 30 und 40 Prozent. Vor allem die Schüler/innen der Mittelstufe blieben zu Hause; plötzlich hatten sich politische Scheinwerfer auf jede einzelne ihrer Bewegungen gerichtet. Für die Regierung waren die Jugendlichen innert weniger Tage zu den «Verantwortlichen» für die Auseinandersetzungen geworden. Die Jungen im Alter von sechzehn, siebzehn, achtzehn Jahren, die ihre Empörung herausschrien, schufen für die Regierung zu viel Ärger mit ihren Demonstrationen und Märschen.

Unklare Rolle der NGO

Ich konnte die Schüler/innen nicht mehr selbstständig besuchen, sondern musste stets von einer Kollegin oder einem Kollegen begleitet werden, und selbst in diesem Fall löste unsere Präsenz als Mitglieder einer Nichtregierungsorganisation/NGO, die der Arbeit der Regierung kritisch gegenübersteht, bei den Studenten/-innen ein plötzliches Misstrauen oder im Gegenteil eine falsche Erwartungshaltung aus. Sie waren für die Regierung, ohne es zu wollen, entweder zu Feinden geworden, die es fernzuhalten, oder zu Verbündeten, die es zu hätscheln galt. Die politische Polarisierung hatte sich in einem einzigen Moment in Schulen, auf der Strasse, auf Märkten, in den Familien etabliert und liess kaum mehr Raum, um über Gewaltlosigkeit und Jugendpartizipation zu diskutieren.

Die Sozialpädagogin Nicole Attanasio war ab Februar 2016 mit COMUNDO bei «Fe y Alegría» in Nicaragua tätig. In drei Schulen in einem Randgebiet von Managua förderte sie Empowerment-Prozesse von Jugendlichen. Ihr Einsatz hätte bis Ende Januar 2019 dauern sollen, doch aufgrund der Schwierigkeiten durch die Unruhen kehrte sie im August 2018 zurück.

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