Perspektiven für junge Menschen in Sambia

Der Umweltingenieur, Maurer und Zimmermann Cornelius Köhler engagierte sich für zweieinhalb Jahre als Fachperson von COMUNDO im Pestalozzi Bildungszentrum Lusaka in Sambia. Der Einsatz ermöglichte ihm, Jugendlichen eine Perspektive zu geben und sie auf ihrem Weg ins Berufsleben zu begleiten. Im Interview mit COMUNDO berichtete er von seinen Erfahrungen.

In der Metallwerkstatt des Pestalozzi Bildungszentrums bespricht COMUNDO-Fachperson Cornelius Köhler mit drei Schulabgängern den nächsten Arbeitsschritt. Bild: Marcel Kaufmann / COMUNDO

Cornelius, du hast einen knapp dreijährigen Einsatz mit COMUNDO in Sambia geleistet. Worin bestanden deine Aufgaben?
Cornelius Köhler: Das Pestalozzi Bildungszentrum Lusaka bildet Kinder und Jugendliche aus benachteiligten Familien aus und fördert ihre berufliche Qualifizierung. An das Bildungszentrum sind verschiedene Kleinunternehmen angegliedert, in denen sich die 22- bis 27-jährigen Alumni (Schulabgänger/innen) praktische Kenntnisse aneignen können. Die Unternehmen werden von ihnen eigenverantwortlich geführt. Dabei habe ich sie unterstützt und begleitet. Dreimal pro Woche arbeitete ich zudem mit den Schülern/-innen der elften Klasse zusammen. Sie erarbeiteten in Gruppen Konzepte zur Einkommensförderung und erstellten Businesspläne zur Umsetzung ihrer eigenen Ideen. Oft diskutierten wir auch verschiedene Themen, für die sich die Jugendlichen interessierten, wie z.B. Traditionen und kulturelle Unterschiede, Politik und globales Zeitgeschehen oder Liebe und Sexualität.


Welche Arten von Kleinunternehmen waren im Bildungszentrum präsent?
Das waren eine Metallwerkstatt, eine kleine Druckerei, eine Schneiderei, ein Schmuckatelier sowie ein Kiosk und ein Restaurant für die Tagesschüler/innen und die Lehrkräfte. Während meiner Arbeit im Projekt bauten wir ausserdem einen biologischen Gemüsegarten zur Selbstversorgung des Internates auf. Dank meines vielseitigen Hintergrundes – ich habe Umweltingenieurwesen mit Vertiefung biologische Landwirtschaft studiert und zwei Lehren als Maurer und Zimmermann gemacht – war ich in der Lage, die Alumni in den verschiedensten Bereichen zu unterstützen. Ausserdem konnte ich die Infrastrukturprojekte innerhalb des Pestalozzi Bildungszentrums anleiten, z.B. den Bau von Gebäuden oder eines Bewässerungssystems für den Gemüsegarten. Diese Vielseitigkeit an Aufgaben habe ich sehr geschätzt.


Was konntest du den jungen Erwachsenen mit auf den Weg geben?
Abgesehen von der Wissensvermittlung in verschiedenen Handwerken sowie in Buchhaltung und Marketing ging es vor allem darum, die Alumni zu coachen und ihre Selbständigkeit zu fördern. Sie haben viele Ideen, aber sie wachsen in einem System auf, in dem sie kaum lernen, diese zu verwirklichen. Vor allem junge Frauen haben in Sambia ein eher geringes Selbstwertgefühl. Hier setzten wir an: Die jungen Erwachsenen lernten, Verantwortung für ihre Geschäfte zu übernehmen, selber mit Lieferanten und Kunden zu verhandeln und erkannten dabei, dass sie zu mehr fähig sind als sie sich anfangs zutrauten. Mit den Jugendlichen der elften Klasse brachten wir die Ideen aufs Papier, entwickelten verschiedene Szenarien und überlegten, wie andere überzeugt und zum Mitmachen motiviert werden können. In Gruppenarbeiten lernten die Jugendlichen, ihre Visionen und Träume zum Ausdruck zu bringen und konkrete Wege zu finden, um sie umzusetzen.


Welche Visionen und Träume hatten die Jugendlichen?
Die einen komponierten Musik oder übten kleinere Theaterprojekte ein, andere entwickelten ein Konzept für den Handel mit Secondhand-Kleidern oder den Verkauf von Backsachen. Hauptsache war, dass sich die Jugendlichen mit der Umsetzung einer Idee auseinandersetzten und sich ernst genommen fühlten. In Sambia gibt es wenig Raum für Individualität und Kreativität. Es ist deshalb wichtig, dass junge Menschen selbst Projekte initiieren und ihre Tatkräftigkeit erfahren können.


Wie hat sich die Unterstützung im Pestalozzi Bildungszentrum auf das Leben der jungen Menschen und ihren Einstieg ins Berufsleben ausgewirkt?
Bei vielen Jugendlichen bin ich mir sicher, dass sie etwas aus ihrem Leben machen werden. Nicht in erster Linie wegen der handwerklichen und/oder unternehmerischen Fertigkeiten, die wir ihnen vermittelten, sondern aufgrund ihrer Fortschritte im Bereich der Selbstwahrnehmung und des Selbstvertrauens. Es war schön zu sehen, wie gerade junge Frauen lernten, ihre Meinung zu äussern, sich Respekt zu verschaffen, für ihre Standpunkte einzustehen, Verantwortung zu übernehmen und Kritik respektvoll zu äussern – für Frauen in Sambia keine Selbstverständlichkeiten.


Was wünschst du dir für die jungen Sambierinnen und Sambier, die du begleitet hast?
Die Jugendlichen von heute prägen die Gesellschaft von morgen. Deshalb habe ich jeweils zu den Alumni gesagt: Später seid ihr die Lehrer/innen, Chefs und vielleicht sogar mal der/die Präsident/in von Sambia. Behaltet in Erinnerung, für was ihr als Jugendliche kämpften musstet und übernehmt Verantwortung für die Zukunft von Sambia.


Wie hat sich der Einsatz auf deine Einstellung zum Leben ausgewirkt?
Von klein auf habe ich einen starken Gerechtigkeitssinn, der sich durch meinen Einsatz vielleicht noch verstärkt hat. Auf jeden Fall kann ich heute tiefliegende Probleme besser einordnen und verstehen: Armut hat nicht nur eine materielle, sondern auch eine geistige und soziale Dimension, die sich z.B. in zerrütteten Familienverhältnissen, Gewalt, Perspektivlosigkeit und dem Ausschluss aus der Gesellschaft zeigt.
Zudem hat sich meine kritische Einstellung gegenüber der Leistungsgesellschaft und dem durchorganisierten System in der Schweiz relativiert. Etwas mehr Gelassenheit und Gemeinschaftssinn würden uns zwar nicht schaden. Doch das hiesige System funktioniert: Die Bevölkerung kann Vertrauen in die Regierung und das Sozialsystem haben. In Sambia leben die Menschen in ständiger Angst vor Machtmissbrauch, Konflikten oder gar Bürgerkriegen.


Du warst schon vor deinem Einsatz mit COMUNDO in Sambia. Was fasziniert dich an diesem Land?
Vor allem die Einfachheit des Lebens und der weitverbreitete Gemeinschaftssinn. In den ländlichen Gebieten gibt es keine Ablenkung. Also nehmen sich die Menschen viel Zeit füreinander. Allerdings arbeitete ich während meines Einsatzes mit COMUNDO am Rande der Hauptstadt Lusaka. Dort sind die Verhältnisse natürlich wieder anders. Da ich mich für die Vielfalt an Lebensweisen und Kulturen interessiere, tauche ich gerne in fremde Kulturen ein.