Umweltkatastrophe in Peru – Ein Augenzeugenbericht

Reduzierte oder ausgefallene Wasserversorgung, steigende Preise für Lebensmittel, verseuchtes Trinkwasser, Mückenplage – die heftigen Regenfälle der letzten Wochen in Peru und die Erdrutsche, die daraus resultieren, treffen auch die Hauptstadt Lima und ihre Einwohner/innen  und mit ihnen auch die Fachpersonen und  ihre Familien, die dort für COMUNDO im Einsatz sind. Das Panorama verändert sich ständig, stündlich ergänzen Nachrichten das Bild von einem Land im Notstand. Notizen aus einem nicht mehr ganz so normalen Wochentag von Anne Stickel und Warner Benitez.

Trinkwassermangel in Peru

Notdürftige Wasserversorgung in Lima

Lima ist eine Stadt in der Wüste. Trinkwasser kommt aus den Flüssen und die Flüsse aus den Bergen. Diese Berge rutschen in die Flüsse, und an einigen Stellen auch die Reste dessen, was nach dem Abbau von Edelsteinen an Gift übrig geblieben ist. Lima bezieht sein Wasser aus dem Fluss Rimac. Und dieser bringt kaputte Häuser, lebendige und tote Kühe, Meerschweinchen, Brücken, Autos und Lastwagen, Müll, Zugschienen mit sich und nicht selten auch Kadaver, frische oder alte, wo Friedhöfe mitgenommen wurden. Auf seinem Weg nach Lima zieht der Rimac am Berg Tamboraque vorbei. Giftige Überreste vom Abbau von Mineralien – Gold, Silber, Kupfer, Zink und Blei – vom transnationalen Unternehmen Nyrstar liegen da wie auf einer offenen Müllhalde wenige Meter neben dem reissenden Fluss. Eine Todesdrohung durch das Trinkwasser.

Schwelender Gesellschaftskonflikt
Das Wasser hat in Lima auch das historische Zentrum getroffen, einzelne Stadtteile sind unzugänglich geworden oder ganz abgeschnitten. Lima heisst: Elf Millionen Menschen. Und elf Millionen Menschen auf einmal ohne Wasser sind der Nährboden für einen Gesellschaftskonflikt.
Die Trinkwasserversorgung fiel und fällt zum Teil noch aus, weil die Kläranlagen mit dem Dreck kein sauberes Wasser produzieren können. Das Wasser ist hochgradig verschmutzt. Lastwagen mit Wasser fahren zu bestimmten Punkten der Stadt, um die in langen Schlangen wartenden Menschen teils mit deklariert nicht-trinkbarem Wasser zu versorgen. Dieses wird aus dem Meer geschöpft, weil das andere aus wenigen unterirdischen pozos (Schächten) nicht ausreicht.
 
Gefahr durch Moskitos
Die Temperaturen in Lima bewegen sich im Moment zwischen 25 und 34 Grad. Wegen dem stehenden Wasser nach den Regenfällen und den Überflutungen drohen Moskitos und mit ihnen Krankheiten. Dazu gehört Dengue. Im Norden des Landes, Piura und Cajamarca, sind bereits mehr als 100 Menschen daran erkrankt, zwei Todesfälle wurden verzeichnet. Andere Epidemien durch Bakterien drohen. Wasser, das zur Reserve gehalten wird, muss abgekocht und mit Chlor versehen werden, um zumindest versuchsweise der Ausbreitung der Mücken vorzubeugen. Im Stadtteil unseres Einsatzes sind Mücken ein latentes Problem. Unsere Partnerorganisation musste den hauseigenen Anbau von Gemüse stoppen, weil das Wasser die Mücken anlockt.
 
Die Autostrassen Richtung Norden sind kaum passierbar und auch gegen Osten sind sie teils blockiert. Hilfsgüter müssen deshalb über den Meeresweg transportiert werden. Doch das Meer ist sehr bewegt, einige Häfen haben die Funktion vorübergehend eingestellt. Vor ein paar Tagen gab es einen Temblor (Erdbeben).
 
Präsident will warten
Im ganzen Land sind Orte und Menschen von der Katastrophe betroffen. Viele sind ohne Elektrizität, haben keine Verkehrsanbindung und sind abgeschnitten von Hilfe. Ohne Wasser können die Menschen weder kochen noch waschen, die Kinder werden unzureichend ernährt, die Hygiene ist bedenklich. Und auch die Preise steigen rasant in die Höhe: Gemüse, Früchte und auch Bustickets kosten heute mindestens das Doppelte. Kostete die Limone beispielsweise einst 3 Soles pro Kilo, musste man gestern 20 Soles pro Kilo bezahlen. Heute liegt der Preis zeitweise schon bei 40 Soles, bevor er dann wieder sinkt – der Nährboden für Spekulation ist gelegt (1 Euro entspricht 3.54 Soles). Diese Preisentwicklung ist vor allem für die mittellose Bevölkerung schlimm, denn ohne Limone kann der Peruaner keinen Ceviche machen, ein Grundnahrungsmittel, auch und gerade für die «Armen».

Die Solidarität der Menschen vor Ort ist grossartig. Trinkwasser, Kleidung, Nahrung, Matratzen werden gespendet. – Und was unternimmt die Regierung gegen die Katastrohe? Präsident Pedro Pablo Kuczynski will warten, bis «alles vorbei» ist, um zu bestimmen, wer dann den Wiederaufbau in die Hand nimmt. Doch die Meteorologen sagen für die nächsten zwei Wochen weitere, heftige Regenfälle voraus...

Text/Bild: Anne Stickel, Lima

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