Für Kinder mit Behinderung in Kenia stark gemacht

Die Luzernerin Beatrice Ammann und ihr Mann Rutger Anten haben einen dreijährigen Entwicklungseinsatz mit COMUNDO in Kenia geleistet. Angesichts grosser Armut engagierten sie sich für eine bessere Gesundheitsversorgung der Bevölkerung, insbesondere von Kindern mit Behinderung. Im Interview berichtet das Paar über die aussergewöhnliche Lebenserfahrung.

COMUNDO-Fachperson Beatrice Ammann zeigt Spital-Mitarbeitenden, wie ein Klumpfuss eingegipst werden muss. Dadurch kann Kindern eine Operation erspart werden. Bild: COMUNDO (Download)
 
Beatrice Ammann und Rutger Anten, ihr habt euch für drei Jahre im AIC Cure International Hospital in Kijabe engagiert. Was waren eure Aufgaben?
 
Beatrice Ammann: Im Spital in Kijabe werden jährlich über 4'000 Kinder mit Klumpfüssen, Gaumenspalten, Wirbelsäulen-Deformitäten und anderen Behinderungen behandelt. Zu meinen Aufgaben als Physiotherapeutin gehörten die Weiterbildung von Spital-Mitarbeitenden, die Unterstützung des Managements in der Qualitätssicherung und der gezielte Ausbau des Therapieangebots für Kinder mit Beeinträchtigungen. Ich war Teil des Rehabilitations-Teams, in dem Physiotherapeuten, Ergotherapeutinnen und Gipstechniker zusammenarbeiten.
Rutger Anten: Ich arbeitete in einem grösseren Ärzteteam mit Spezialisten/-innen aus verschiedenen Disziplinen. Viele von ihnen waren Ausländer/innen wie ich. Unser Ziel bestand darin, eine qualitativ gute und gleichzeitig kostengünstige Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Dafür bildete ich so genannte Clinical Officers weiter, medizinisches Fachpersonal ohne universitäre Ausbildung – eine Berufsgruppe, die in Kenia verbreitet ist.
 
 
Was konntet ihr in euren Einsätzen bewirken?
 
Beatrice Ammann: In den letzten Jahren ist es gelungen, die Kinder ganzheitlicher zu behandeln und die Zusammenarbeit zwischen den Abteilungen zu stärken. Zu Beginn meines Einsatzes hatten die Mitarbeitenden der einzelnen Teams nur wenig Austausch untereinander. Heute werden verschiedene Aspekte einer gesundheitlichen Einschränkung gemeinsam beleuchtet und diskutiert, bevor ein Entscheid in Bezug auf die bestmögliche Behandlung gefällt wird. Innerhalb des Spitals haben die Mitarbeitenden ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung der Rehabilitations-Abteilung entwickelt und damit für den therapeutischen Ansatz, der die operative Behandlung sinnvoll ergänzt und manchmal sogar ersetzt.
Rutger Anten: Es sind im Laufe der Zeit immer mehr Patienten/-innen ins AIC Cure International Hospital gekommen. Dies hat gezeigt, dass wir mit unserem Angebot auf dem richtigen Weg sind.
 
 
Wie geht es jetzt mit euren Projekten weiter?
 
Beatrice Ammann: Für meine Stelle ist eine Nachfolge vorgesehen, um meine Arbeit weiterzuführen und zu festigen, was ich erreichen konnte. Es gibt noch viel zu tun. So bräuchte es beispielsweise ein besser entwickeltes Überweisungssystem. Kijabe ist nicht gut erreichbar und viele Leute kommen von weit her ins Spital. Eine neue Fachperson könnte den Fokus daraufsetzen, ein regionales Netzwerk von Therapeuten/-innen aufzubauen. So könnten Patienten/-innen an Behandlungsorte in ihrer Umgebung vermittelt und noch mehr Menschen erreicht werden.
 
 
Was hat euch motiviert, diesen Einsatz zu machen?
 
Beatrice Ammann: Ich arbeite gerne als Physiotherapeutin und freue mich, wenn ich positiven Einfluss auf die Lebensqualität von Menschen nehmen kann. Gerade Kinder mit Behinderungen haben es sehr schwer. Und in Kenia werden sie besonders stark ausgegrenzt und diskriminiert. Ich fand es wichtig, mich für sie stark zu machen. Es war eine spannende Erfahrung, mit wenig Mitteln auskommen zu müssen und dabei trotzdem viel zu erreichen. Auf mich wirkt es erdrückend, was die Menschen hier in Europa alles haben oder glauben, haben zu müssen. Weniger ist oft mehr.
Rutger Anten: Das Leben in Afrika ist sehr spannend und abwechslungsreich, jeder Tag ist wieder ganz anders. Es gibt wenig Sicherheit, aber auch wenig Routine. Das gefiel mir.
 
 
Was waren die grössten Herausforderungen und wie seid ihr damit umgegangen?
 
Beatrice Ammann: Zu Beginn meines Einsatzes versuchte ich bewusst, zurückhaltend zu sein und erst einmal zu verstehen, wie die Dinge gemacht werden und welche Faktoren zusammenspielen.
Mit der Zeit war ich frustriert, wenn ich Lösungen für Probleme sah und vorschlug, aber auf Widerstand gestossen bin und nicht alle Mitglieder des Teams am gleichen Strick zogen. Dann musste ich mich darin üben, geduldig zu sein und nicht gleich zu urteilen. Im grossen Ganzen hat es zwischenmenschlich aber sehr gut gestimmt.
Rutger Anten: Die meisten Menschen kamen mit wenig finanziellen Mitteln ins Spital. Meist hatten sie entweder Geld für die Behandlung oder für Medikamente, aber nicht für beides. Wir standen fast täglich vor der Herausforderung, wie wir damit umgehen. Oft waren es schwerwiegende Entscheide, die wir fällen mussten, auch bezüglich der eigenen Grenzen: Führe ich nun eine Behandlung durch, auch wenn sie nicht in meinen Fachbereich gehört, aber im Wissen, dass die Patientin oder der Patient keine befriedigende Alternative hat?  


Sind Sie ebenfalls an einem Entwicklungseinsatz in Lateinamerika, Afrika oder Asien interessiert? Wir suchen laufend erfahrene Berufsleute aus verschiedenen Berufsfeldern und freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme!

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