Röbi Koller zu Besuch bei den Kiepers in den Philippinen

Markus und Marianne-Sonja Kieper gehen ihren Lebensweg seit längerer Zeit gemeinsam. Dem Zürcher Ehepaar ist dabei ebenso wichtig, zu handeln und Ziele zu definieren wie auch unterwegs zu sein und in Bewegung zu bleiben. Zurzeit leisten sie einen freiwilligen dreijährigen Einsatz in der Stadt Tabuk in der Philippinischen Provinz Kalinga. COMUNDO-Botschafter Röbi Koller hat die beiden Fachpersonen in den Philippinen besucht – lesen Sie hier seine Reportage.
Seit mehr als einem Jahr leben sie jetzt in dieser Provinzstadt, zehn Autobusstunden nördlich von Manila entfernt, weit weg von Komfort und geregelten Strukturen. Der Alltag hat hier allerhand Überraschungen für die Schweizer bereit. Mindestens einmal pro Woche muss man mit einem brown out rechnen, einem Stromunterbruch, der zwar nicht so lange dauert wie ein black out, aber ebenso alles lahmlegt, was am Elektrischen hängt. Hier muss selber backen, wer Lust auf ein knuspriges Brot hat, selber kochen, wer etwas anderes als Reis essen möchte. Hier klickt man, wenn man das Haus verlässt, mehrere Vorhängeschlösser an die Tür und sollte abends vor dem Eindunkeln wieder zurück sein. Nicht, dass es übermässig gefährlich wäre in der Finsternis, aber das Leben spielt sich in Tabuk nun mal hauptsächlich zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ab. Tagsüber rattern hunderte Tricycles durch die Strassen, diese dreirädrigen meist selbstgebastelten Taxifahrzeuge, nachts stehen sie aber alle still. Da hört man in der Stadt nur noch Hunde bellen und Hähne krähen.

Marianne-Sonja Kieper-Ried

Philippinen statt Südamerika
Dass es Marianne-Sonja und Markus Kieper nach Südostasien verschlug, haben sie wohl dem Schicksal zu verdanken. Es stimmt zwar, dass sie weg wollten. Sie hatten sich fest vorgenommen, sich für ein Hilfswerk nützlich zu machen und dafür vorübergehend alles in der Schweiz aufzugeben. Sie hatten sich bei der Hilfsorganisation COMUNDO gemeldet, allerdings für einen Einsatz in Südamerika. Sie bereiteten sich seriös vor und buchten sogar extra einen fünfwöchigen Sprachkurs in Peru. Als sie zurückkamen, war da aber eine Meldung auf dem Anrufbeantworter, die ihnen klarmachte, dass es nicht so laufen würde, wie sie es sich vorgestellt hatten. Auf den Philippinen sei ein Projekt offen, das für sie wie geschaffen sei, meldete Comundo und bat um einen Rückruf.

Marianne-Sonja und Markus taten das, was wir alle tun, wenn wir über etwas nicht Bescheid wissen: Sie googelten die Philippinen, lasen Informationen und schauten sich Fotos an. Aufs Erste gefiel ihnen die grüne Landschaft, die sie am Bildschirm sahen. Und eine sinnvolle Arbeit schien es dort für sie auch zu geben. Sie betrachteten die neue Situation als Fügung und hatten den Entscheid schnell gefällt: Okay, dann eben nicht Südamerika, sondern die Philippinen!

Einsatzbeginn beim Bischof 
Als Kiepers im Februar 2017 in Tabuk ankamen, hatten sie einen Projektberschrieb in der Tasche, den der dortige Bischof persönlich vorgeschlagen hatte. Prudencio Padilla Andaya Jr. – so heisst der Mann mit vollem Namen - war es ein Anliegen, dass man ihn in seinen Bemühungen unterstütze, die Kultur der Volksstämme in seiner Region zu erforschen und zu stärken. Dazu hätten Geschichte, Erziehung, Ökonomie, Ökologie und Friedensarbeit gehört. Die Bemühungen um Frieden hatte der Kirchenmann als besonders wichtig eingestuft, da in letzter Zeit vor allem zwischen zwei Stämmen alte Konflikte wieder neu entflammt waren. Ihr Friedensvertrag, der bodong, der vor Jahrzehnten abgeschlossen worden war und bis dahin als verbindlich gegolten hatte, war gebrochen worden. Die anschliessenden Gewalttaten hinterliessen auf beiden Seiten tiefe Wunden und traumatische Erlebnisse.

Markus Kieper
Kiepers haben diese Herausforderungen angenommen. Beide waren in der Schweiz jahrelang in sozialen Berufen tätig gewesen und kannten konfliktträchtige Situationen und den Umgang damit aus Theorie und Praxis. Doch sie hatten nicht erwartet, dass zunächst das Vikariat und die Organisationsstruktur rund um den Bischof sie herausforderten. Marianne-Sonja und Markus lebten die ersten vier Monate mit Prudencio Padilla Andaya Jr. unter einem Dach und lernten ihn als freundlichen, klugen, visionären, klar denkenden Mann kennen, der seine Ansichten unerschrocken vertrat. Ging es jedoch um die Umsetzung der Projekte, lief es nicht so rund, sei es, weil der Bischof sich nicht so sehr für Details interessierte, sei es, weil Geld und Leute fehlten – oder alles zusammen.

Markus Kieper-Ried: Neues Friedensprojekt in der Schule
Markus und Marianne-Sonja mussten ihr Projekt neu definieren. In Absprache mit COMUNDO in der Schweiz entwickelten sie in Rekordzeit Alternativen zur ursprünglichen Idee. Die Friedensarbeit sollte weiterhin im Zentrum stehen, das war auch für sie das Wichtigste. Markus fand heraus, dass die örtlichen Schulen zwar eine theoretische Ausbildung, aber wenig praktisches Wissen über Beratung haben. Ab hier bot er an, seine Erfahrungen einzubringen. Er spürte, dass seine Philippinischen Kollegen offen dafür waren, auch für neue Ideen. So versucht er inzwischen, die Kinder auf Primarschulstufe dafür zu sensibilisieren, Streitigkeiten zu schlichten anstatt sie mit Gewalt zu lösen.
Das Konfliktlösungsrad Wheel of Choice gibt eine Auswahl von Möglichkeiten, wie man eine Auseinandersetzung kleiner machen kann, bevor sie eskaliert: Man kann zum Beispiel den anderen ignorieren, Stopp sagen, wenn man gemobbt wird oder sich entschuldigen, wenn man selber jemanden gekränkt hat. Zudem gibt Markus Kieper Eltern Ratschläge, die Probleme haben, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Es sind einfache Wegleitungen, die wir alle kennen: Regeln aufstellen (nicht zu viele!), Regeln anwenden (nicht zu strikt!), das Kind beim Erstellen der Regeln teilhaben lassen und es im Erfolgsfall auch mal zu ermutigen (das schadet nichts!).

Marianne-Sonja Kieper-Ried
Marianne-Sonja: Friedensarbeit in der Pfarrei
Marianne-Sonja hingegen hat eine Möglichkeit gefunden, den Menschen direkt in ihren Dörfern zu begegnen. Wieder war es die Kirche, die dabei eine wichtige Rolle spielte. Die Pfarrei von Tinglayan, einem Weiler ungefähr drei Autostunden von Tabuk entfernt, kam auf die Social Action Commission zu, für welche Marianne-Sonja heute arbeitet. Die Menschen, die dort wie in einem abgelegenen Tessiner Bergdorf leben, müssen mit ansehen, wie ein Konflikt zwischen ihrem Stamm und jenem aus dem benachbarten Tulgao immer mehr Opfer fordert. Eine Beilegung des Streites, in welchem es um territoriale Ansprüche geht, ist nicht abzusehen. Zu stark sind alte Muster von Rache und Vergeltung wieder aktiv geworden. Die schwer traumatisierte Bevölkerung ist sich der Problematik bewusst. Der Alltag ist inzwischen geprägt von den Konsequenzen des Konflikts: Es traut sich kaum mehr jemand auf die Strasse und die Kinder können zeitweilig nicht mehr zur Schule gehen.

Friedenssseminar durchgeführt
Das Friedensseminar des Social Action Committee wurde auf einen Samstag angesagt. Ursprünglich sollte es um Traumabewältigung gehen, Marianne-Sonja fand aber, dass man nicht mit der Türe ins Haus fallen könne. Die Menschen würden vermutlich zu grosse Hemmungen haben, von Anfang an über ihren Schmerz zu sprechen. Stattdessen will sie mit ihnen über ihre Ideen und Vorstellungen von Frieden reden und darüber, wie sie diese in die Tat umsetzen könnten. Die Beteiligung ist gross, viele der Anwesenden, Frauen, Kinder, auch einige Stammesälteste, sprechen offen und leidenschaftlich aus, was sie beschäftigt. Die halbe Kirche, die als Seminarraum dient, ist voll. Leider sind aber nur Menschen aus Tinglayan gekommen. Die Tulgaoer liessen sich nicht blicken. Ein gemeinsamer Weg ist im Moment noch undenkbar. Man wird ein zweites Mal zusammenkommen müssen.

Kiepers haben bei Comundo einen Vertrag bis Februar 2020 unterschrieben. Sie möchten danach wieder in die Schweiz zurückreisen. Bis dahin verfolgen sie ihr Ziel, die Menschen in Tabuk und Umgebung zu sensibilisieren und mit genügend Werkzeug auszurüsten, damit sie ihre Probleme in Zukunft selber lösen können. Ob sie es bis in eineinhalb Jahren erreicht haben werden, ist nicht sicher. Sie wollen aber mindestens einen Samen pflanzen und damit einen kleinen Beitrag zu einem Friedensprozess leisten, der hoffentlich weiter gedeiht.

COMUNDO-Botschafter Röbi Koller besuchte zwei Projekte in den Philippinen – Hier die Videos: 

Röbi Koller bei Marianne-Sonja & Markus Kieper-Ried

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Röbi Koller bei COMUNDO-Fachperson Laura Rodesino

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