Unrecht sichtbar machen und die Menschen stärken

Gewalt, Korruption, Drogenschmuggel, Bürgerkrieg – in Kolumbiens Pazifikregion leider Alltag für die Menschen. Wie können sie zu ihren Rechten kommen? Unterwegs mit COMUNDO-Fachperson Juliette Schlebusch.

COMUNDO-Fachperson Juliette Schlebusch und das Team von Cococauca machen in den abgelegenen Dörfern Halt, um sich für die Rechte der Menschen einzusetzen.

Text: Ingo Boltshauser

Das grün überwucherte Ufer des Flusses Guajuí kommt bedrohlich schnell auf uns zu. Dann, im letzten Moment, legt unser Fahrer das Motorkanu derart steil in die Kurve, dass
die Bordkante kurz eintaucht und Wasser ins Boot schwappt. Einen Augenblick später geht er abrupt vom Gas, klappt den Aussenborder nach oben und lässt das Kanu mit dem Restschwung über eine Untiefe gleiten, bevor er wieder mit Vollgas auf die nächste Flussbiegung zurast. Hier, auf der letzten Stunde hoch nach Concepción de Guajuí, sind nur noch einheimische Fahrer in der Lage, den Fluss einigermassen sicher zu befahren. Dann taucht Concepción vor uns auf: Eine ausgewaschene Betontreppe führt hoch zu einer Ansammlung von mehreren Dutzend Hütten. Die einzigen Steingebäude im Ort sind die Kirche und die Schule. Diese ist aber schon seit mehreren Jahren nicht mehr nutzbar, weil ein gestürzter Baum das Dach eindrückt. Der Unterricht findet jetzt im Freien statt – oder gar nicht, etwa wenn es regnet oder der auswärtige Lehrer es nicht den Fluss hoch geschafft hat.

Gemeinschaftsräte sollen sich für die Rechte einsetzen
Heute ist hier das Team von Cococauca zu Besuch, vertreten durch Mario Castro Cuero und Pedro Ibarbo Angúlo. Beide sind schon seit vielen Jahren im Einsatz für die Organisation, die sich für die Rechte der Menschen hier in der Pazifikregion einsetzt. Mit Cococauca unterwegs ist auch Juliette Schlebusch. Die Ethnologin ist seit einem Jahr als COMUNDO-Fachperson bei der Organisation im Einsatz; schon zuvor hat sie sich drei Jahre lang für die Rechte der afrokolumbianischen Bevölkerung im Westen Kolumbiens eingesetzt. In diesem Teil des weitläufigen Einsatzgebietes von Cococauca war sie noch nie, und so steht bei der Versammlung, die kurz nach unserer Ankunft auf dem Platz vor der Kirche stattfindet, zunächst einmal sie selbst im Mittelpunkt des Interesses. Ausländer/innen sieht man selten so weit ausserhalb der städtischen Gebiete. «Ich bin das inzwischen gewohnt», sagt sie. «Die Menschen sind natürlich neugierig und auch misstrauisch. Sie wollen wissen, was mich in diese Gegend treibt.»