Im Kampf um Gerechtigkeit und Demokratie

Als Menschenrechtsanwalt setzt sich David Morales, der am RomeroTag vom 24. März 2017 referieren wird, in El Salvador gegen Straflosigkeit ein und begleitet Opfer unbestrafter Kriegsverbrechen. Im Interview spricht er über seine Arbeit, die aktuelle Menschenrechtslage und die Figur Oscar Romero. Dessen Ermordung im Jahr 1980 markierte den Beginn des grausamen 12-jährigen Bürgerkriegs.

David Morales, warum ist Ihre Arbeit auch heute, 25 Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges, noch so nötig?
David Morales: Im Jahr 1993 wurde in El Salvador ein Amnestiegesetz erlassen, um einflussreiche und mächtige Personen, die Kriegsverbrechen zu verantworten hatten, vor Strafverfolgung zu schützen. Erst im letzten  Jahr wurde das Amnestiegesetz aufgehoben und zwei beispielhafte Fälle von Menschenrechtsverbrechen – die Massaker in El Mozote und El Calabozo – können endlich aufgerollt werden. Die Überlebenden dieser Massaker warten immer noch auf Gerechtigkeit und Wiedergutmachung.

Auch abgesehen von der Straflosigkeit gibt es mehr Gewalt denn je. Warum?
Der Friedensvertrag war insofern erfolgreich, als dass er dem bewaffneten Konflikt ein Ende setzte und politische Stabilität schaffte. Die Guerillagruppe «Nationale Befreiungsfront Farabundo Martí» (FMLN) konnte sich erfolgreich in eine politische Partei umwandeln. Hingegen gelang es nicht, den gewünschten Demokratisierungsprozess voranzutreiben. Dafür hätten die Kriegsverbrechen aufgeklärt und die strukturellen Ursachen des Krieges angegangen werden müssen. Auch wäre eine Wiedergutmachung für die Opfer nötig gewesen. Die strukturelle Ungerechtigkeit ist weiterhin gross.

Worin zeigt sich diese?
Der Reichtum ist in den Händen weniger und der Neoliberalismus, der sich in den 1990er Jahren in El Salvador etablierte, hat anfängliche Bemühungen für eine gerechtere Verteilung zunichte gemacht. Die Streichung sozialer Ausgaben führte zu einer noch stärkeren Zerrüttung des sozialen Gefüges und zu einer zunehmenden Migration in den Norden. Wegen des schwachen Justizsystems entwickelten sich anfänglich lose Gruppierungen zu den heutigen gefährlichen Banden. Das organisierte Verbrechen hat sich etabliert. Die Regierungen der letzten Jahre begegneten diesen Problemen immer nur mit einer repressiven Politik, die nicht weitergeholfen hat. Die Folgen waren weitere Menschenrechtsverbrechen und die Stigmatisierung der verarmten Jugend.

So wie Sie setzte sich seiner Zeit auch Oscar Romero leidenschaftlich für Benachteiligte ein. Wofür kämpfte er und wieso wurde er ermordet?
Erzbischof Romero hat die strukturelle Gewalt und Ungerechtigkeit angeprangert. Zudem kämpfte er gegen die Unterdrückung der Zivilgesellschaft, Menschenrechtsverletzungen und gegen destruktive Kräfte, welche den bewaffneten Konflikt verursachten. Aus all diesen Gründen hat man ihn schlussendlich umgebracht.

Wie gelang es Oscar Romero, so viele Menschen zu inspirieren?
Es ist schwierig, die Reichweite von Erzbischof Romeros Werk vollumfänglich zu erfassen. Trotz Zensur und der bescheidenen technologischen Mittel von damals erreichten seine Worte Menschen in ganz El Salvador und später sogar über die Landesgrenze hinweg. Ich persönlich glaube, dass seine Bescheidenheit, die Identifikation mit dem Evangelium und die Solidarität mit den Verfolgten zu einer starken spirituellen Verbundenheit mit dem Volk führten. Bis heute gab es keine vergleichbare spirituelle Führungsperson mehr in El Salvador.

Welche Rolle spielt Oscar Romero heute?
Oscar Romero ist für die Menschen immer noch eine Quelle des Glaubens und Inspiration für soziale Anliegen. Sein Leben stellt weltweit ein Beispiel für die kompromisslose Verteidigung der Menschenrechte und den Einsatz für die Armen dar. Hört man heute, 37 Jahre später, seine Predigten, so konnten diese ihre Gültigkeit auf eindrückliche Art und Weise bewahren. Ich glaube, dass er auch heute noch eine wichtige Rolle im Friedensprozess in El Salvador spielen würde.

Interview: Theres Höchli, COMUNDO (freie Übersetzung aus dem Spanischen, gekürzte Fassung)


RomeroTag 2017
David Morales referiert am RomeroTag «El Salvador – 25 Jahre nach dem Bürgerkrieg» zum Thema «Der stetige Kampf um Demokratisierung, Gerechtigkeit und Frieden. Am Beispiel von Erzbischof Oscar Arnulfo Romero.» Im Anschluss an sein Impulsreferat finden parallele Foren mit ihm und weiteren El Salvador-Kenner/innen über aktuelle Menschenrechtsthemen statt.
Freitag, 24. März, 16.30-21.30 Uhr, RomeroHaus Luzern | Fr. 50.- / 35.-
Anmeldungen werden noch entgegen genommen