Kolumbiens Weg zum Frieden

Luzern, 15.09.2017. Nach über 50 Jahren Krieg kommt der Friedensprozess in Kolumbien harzig voran. Doch setzen sich viele Menschen tagtäglich für ein friedliches Zusammenleben in ihrem Umfeld ein. An der gestrigen Abendveranstaltung «Für den Frieden von Morgen» im RomeroHaus Luzern wurden zwei solche lokale Initiativen vorgestellt.
Mirjam Kalt, Koordinatorin des Kolumbienprogramms von COMUNDO, lebt und arbeitet in Bogotá. Sie gab Einblick in die Situation von Kolumbien heute – zehn Monate nachdem sich die Guerilla FARC-EP und die Kolumbianische Regierung auf ein Friedensabkommen geeinigt hatten. Anhand einer symbolischen Friedensampel zeigte sie auf, in welchen Bereichen die Umsetzung des Abkommens gut vorankommt resp. noch hapert. Positiv zu werten sei die Verbesserung der politischen Teilhabe ethnischer Minderheiten und die grossräumigen Minenentschärfungen, an denen sich vor allem die FARC beteilige. Diese habe sich offiziell für das grausame Massaker im Dorf Bojoyá vor rund 15 Jahren entschuldigt und damit einen wichtigen Versöhnungsschritt gemacht. Im roten Bereich liege hingegen der politische Wille für die Wiedergutmachung der Gräueltaten und die Entschädigung der Opfer.

Gewalt und Vertreibung halten an
Seit der Unterzeichnung des Abkommens habe die Gewalt wieder zugenommen, da andere bewaffnete Gruppierungen ehemalige Territorien der FARC übernahmen. Diese würden die betroffene Landbevölkerung terrorisieren und Jugendliche rekrutieren, was weiterhin zu massiven Vertreibungen führe. Kolumbien weise nach Syrien weltweit die höchste Rate an vertriebenen Menschen auf. Die Drogenproblematik werde zwar angegangen – nationale Programme fördern die Ausrottung von Kokapflanzen und den Anbau von Kartoffeln und anderen Pflanzen – doch gab Mirjam Kalt zu bedenken: «Solange die Verhältnisse im Agrarbereich nicht gerechter sind und das Land umverteilt wird, sind Kokaanbauer auf die Einnahmen durch den Drogenanbau angewiesen und halten verständlicherweise daran fest.»

Konservative Kreise gefährden Abkommen
Zu begrüssen sei, dass die kolumbianische Regierung nun auch Verhandlungen mit der anderen grösseren Guerilla, dem Nationalen Befreiungsheer ELN aufgenommen habe. Der Papstbesuch von Anfang September hätte sogar einen befristeten Waffenstillstand bis Januar bewirken können. Mirjam Kalt bedauerte jedoch, dass konservative Regierungsvertreter/innen die Fortschritte im Friedensprozess blockieren, indem sie die Abstimmung über wichtige Gesetze verhindern. Da alle Punkte des Abkommens, die nicht bis November durch ein entsprechendes Gesetz definiert sind, verändert werden können, könnte das Abkommen sogar grundsätzlich in Frage gestellt werden.

Bleibt die Frage, ob sich das Friedensabkommen positiv auf die Lebensbedingungen in Kolumbien auswirkt. Auf einer Skala von 1-10 liege die Antwort wohl irgendwo in der Mitte. Die Liste mit den Herausforderungen für Kolumbien sei lang, so Mirjam Kalt: «Neben den bereits Erwähnten gibt es weitere wichtige Ursachen für Konflikte wie der illegale Bergbau, der zu starken Umweltverschmutzungen und Menschenrechtsverletzungen führt, oder die Korruption, die selbst bei Personen in hohen politischen Ämtern und bei der Staatsanwaltschaft verbreitet ist.» Was kann die Schweiz für einen Beitrag leisten? Hier fand Mirjam Kalt klare Worte: Wichtig sind die Annahme der Konzernverantwortungsinitiative, die internationale Konzerne mit Sitz in der Schweiz in die Verantwortung nimmt; Entwicklungszusammenarbeit, die Veränderungen im Kleinen bewirkt; Lobbyarbeit, wie sie von der Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien betrieben wird und das Engagement der Schweizer Botschaft in Kolumbien.  

Basiselemente des friedlichen Zusammenlebens vermitteln
Entwicklungszusammenarbeit wird in Kolumbien auch von COMUNDO geleistet. Die Programmverantwortliche Mathilde Defferrard stellte die Projekte von COMUNDO vor: Aktuell engagieren sich zwölf Fachpersonen bei sieben lokalen Partnerorganisationen. Eine von ihnen ist Stephan Nebel, der in Quibdó im Nordwesten Kolumbiens gemeinsam mit einem 4-köpfigen Team das Jugendhaus «Casa Juvenil Zona Norte» aufgebaut hat. Er wurde für die Veranstaltung direkt aus Quibdó via Skype zugeschaltet: «Wir organisieren Workshops, Nachhilfe und sorgen für einen geregelten Tagesablauf. Ziel ist, dass wir den jungen Menschen Basiselemente des friedlichen Zusammenlebens mit auf den Weg geben können wie Respekt, Vertrauen und Freundschaft – angesichts von Krieg und Gewalt keine Selbstverständlichkeiten», berichtete der Sozialpädagoge. Angefangen habe alles in einem kleinen Raum, den sie in der Schule mieten konnten. Heute kommen täglich Dutzende von Kindern und Jugendlichen ins «Casa Juvenil». Viele von ihnen seien auf sich alleine gestellt, weil die Eltern gestorben sind oder tage- bzw. sogar wochenweise in den umliegenden Minen arbeiten. In Quibdó fehle es an allem: sauberem Wasser, Gesundheitsversorgung, kulturellen Angeboten, Erholungsräumen, etc. Leere Versprechungen der Regierung bezüglich der Verbesserung der Lebensbedingungen würden regelmässig zu Streiks führen.

Gewaltfreier Widerstand in Toribio
Der deutsche Fotograf Jonas Wresch berichtete am Abend über eine andere lokale Initiative der Friedensarbeit in Kolumbien. Er lebte sechs Wochen bei den Nasa-Ureinwohnern/-innen in Toribio, einer der am härtesten umkämpften Orte Kolumbiens. Von dort stammen die Bilder für seine Fotoausstellung «Kolumbiens Weg zum Frieden», die vom 18. August bis 14. September im RomeroHaus zu sehen war. Guerillaangriffe gehören in Toribio zum Alltag der Dorfbewohner/innen. Deshalb gründeten sie die Schutztruppe «Guardia Indígena», die aus rund 800 freiwilligen Männern und Frauen besteht. Gewalt kann nicht mit Gegengewalt gelöst werden, sind die Mitglieder überzeugt. Deshalb tragen sie nur Holzstöcke und Steinschleudern mit sich und verteidigen die Bevölkerung erfolgreich mit ihrem gemeinsamen Auftritt und einer überzeugenden Argumentation.


 

Jetzt Video anschauen: Stephan Nebel berichtet über seinen Einsatz

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