Entwicklungszusammenarbeit im Wandel

In einem fast drei Jahre dauernden Reflexionsprozess hat COMUNDO den Entwicklungsbegriff kritisch unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse zahlreicher Debatten und Überlegungen haben Projektleiter Josef Estermann und sein Autoren/-innen-Team in der wissenschaftlichen Publikation «Das Unbehagen an der Entwicklung» festgehalten. Am 13. Juni 2017 wurde das Buch im RomeroHaus in Luzern vorgestellt.

«Die Entwicklungszusammenarbeit befindet sich in einer Krise und wird immer mehr zum Opfer von Sparrunden im Parlament», sagte Teres Steiger-Graf, Geschäftsleiterin von COMUNDO, in ihrer Begrüssungsrede. «Wir sollten deshalb hinterfragen, was wir mit der Entwicklungszusammenarbeit erreichen und bezwecken wollen und vor allem, wie.» Ziel des Reflexionsprozesses von COMUNDO sei gewesen, die Bedeutung des Begriffs ‹Entwicklung› für die eigene Arbeit zu klären und die Diskussion in die Öffentlichkeit zu tragen.

Wachstumsideologie überwinden
Anne-Marie Holenstein, frühere Direktorin des Fastenopfers, lobte in ihrer Würdigung der Publikation die Vielfalt der Perspektiven. Zentral sei für sie die Erkenntnis, dass es nicht um das Auswechseln von Begriffen gehe, sondern um die Überwindung der Wachstumsideologie. Darüber hinaus gab die Entwicklungsexpertin zu bedenken, dass die Kritik am Entwicklungsbegriff schon fast 50-jährig sei. Als Folge davon sei die Entwicklungszusammenarbeit im Laufe der Zeit immer wieder neu ausgerichtet worden. Mit der «Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung» hätten die Vereinten Nationen einen Paradigmen-Wechsel eingeleitet, der auf der Erkenntnis gründe, dass die grossen globalen Herausforderungen gemeinsamer, länderübergreifender Antworten bedürfen.

Frage wirft noch mehr Fragen auf
Im Zentrum der Debatte um den Entwicklungsbegriff stand die Frage «Brauchen wir eine alternative Entwicklung oder Alternativen zur Entwicklung?». «Die Suche nach Antworten hat noch mehr Fragen aufgeworfen, anstatt diese zu beantworten», schmunzelte Bruno Stöckli von Brot für alle. Dies sei aber genau das Interessante gewesen am Reflexionsprozess. Der Projektleiter der entwicklungspolitischen Dialogplattform dialogue4change nahm gemeinsam mit Annemarie Sancar, Gründungs- und Vorstandsmitglied von WIDE Switzerland, und Beat Dietschy, Präsident von COMUNDO, an einer Diskussionsrunde teil, in der die oben genannte – und auch im Untertitel des Buches gestellte Frage – aufgegriffen wurde. Bruno Stöckli erklärte, wieso die ‹Entwicklung› aus Sicht der Autoren/-innen trotz der positiv zu deutenden Agenda 2030 mit Unbehagen verbunden sei: Wachstum gelte noch immer als Allheilmittel für alle Probleme. Auch bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und beim Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) sei diese Tendenz leider noch spürbar. Zudem geben Bruno Stöckli der nationalstaatliche Egoismus und die immer noch vorherrschende Hilfeindustrie zu denken.

Annemarie Sancar brachte den Care-Ansatz in die Diskussion ein. Sie bedauerte, dass die Stärkung von Frauen in Entwicklungsprojekten stark von ökonomischen Prinzipien gesteuert und unbezahlter Sorgearbeit, die meist von Frauen geleistet wird, wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde. Als Folge davon sei oft unklar, wer von Investitionen profitiere: die Frauen oder die Wirtschaft. Aus ihrer Sicht müsste viel stärker nach der Geschlechtergerechtigkeit und den wirklichen Gründen von Armut gefragt werden.

Wegzeichen befreiender Entwicklung erkennen
«Wir bräuchten eine Neubegründung aller Verhältnisse», sagte Beat Dietschy. «Ein blosser Etikettenwechsel wäre nicht sinnvoll.» Der Philosoph stellte fest, dass Rassismus immer noch in unserem westlichen Denken enthalten ist. Auch funktioniere unsere imperiale, auf Wohlstand ausgerichtete Lebensweise nur auf Kosten anderer. «Nicht mehr von Entwicklung zu sprechen, wäre allerdings scheinheilig», betonte er. «Es gilt, kritisch zu analysieren, was tatsächlich passiert, und die Wegzeichen befreiender Entwicklung zu erkennen.» Alternative Formen des Wirtschaftens wie z.B. die Commons-Diskussion, die solidarische Ökonomie oder das bedingungslose Grundeinkommen könnten sich zu etwas Umsetzbarem verdichten, waren sich die Referenten und die Referentin einig. Dafür seien Änderungen an der Basis nötig, wie sie z.B. in der Personellen Entwicklungszusammenarbeit (PEZA), die von COMUNDO betrieben wird, möglich gemacht werden. Menschen aus dem Süden und aus dem Norden tauschen auf Augenhöhe ihre Erfahrungen aus. Dadurch könnten Hierarchien abgebaut werden, und die Gefahr der Fremddefinition von Phänomenen wie Armut trete in den Hintergrund. Die PEZA liefere damit eine hilfreiche Antwort auf die Frage nach dem wie in der Entwicklungszusammenarbeit, betonte Bruno Stöckli.

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