«Es scheitert an der Herzenshaltung»

Die Integration von Kindern mit Behinderung in den Schulalltag in Nicaragua ist eine Herkulesaufgabe. COMUNDO-Fachperson Corinne von Muralt arbeitete drei Jahre mit Los Pipitos zusammen, eine Organisation, die sich für die Rechte von Kindern mit Behinderung einsetzt.

Coinne von Muralt

«Als ich nach drei Jahren Sonderschule an die Regelschule wechseln durfte, war das meine Chance.» Argeniz Assevedo ist 23 Jahre alt, lebt in der nicaraguanischen Kleinstadt Jinotepe und hat eine leichte Gehirnlähmung. Er studiert im ersten Jahr Pädagogik. – «Wir stehen im Austausch mit den Eltern und kennen die Bedürfnisse der Schüler mit Behinderung, dadurch können wir auf sie eingehen und sicherstellen, dass sie sich als Teil der Klasse fühlen.» Zulma del Carmen García unterrichtet in der Stadt Ciudad Sandino Naturwissenschaften in der Sekundarstufe einer Privatschule, die inklusive Bildung fördert.
Wer diesen Menschen zuhört, könnte meinen, das Gesetz 763, das die Rechte der Personen mit Behinderungen in Nicaragua regelt, werde im Bereich der Bildung vollumfänglich umgesetzt: Kinder mit Behinderungen würden eingeschult, je nach Notwendigkeit in die nächstgelegene Regelschule oder in eine Sonderschule. Lehrpersonal werde ausgebildet, gut bezahlt und könne seinen Auftrag unter optimalen Bedingungen erfüllen. Die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen für 2030 wären zumindest betreffend inklusive Bildung bereits erreicht.

Nicht nur Bildung in der Krise
Ein Curriculum wie das von Argeniz Assevedo ist aber die Ausnahme: Im April 2016 spricht der Abgeordnete Enrique Sáenz anlässlich der weltweiten Aktionswoche für Bildung in Managua gar von einer Bildungskrise. Er fordert, die Bildung politisch und gesellschaftlich an erste Stelle zu setzen und die Mittel dafür jährlich um ein halbes Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) anzuheben, bis der internationale Standard von sieben Prozent erreicht wird. Das käme einer Erhöhung von mindestens sechzig Millionen US-Dollar gleich. In den letzten zwei Jahren hat der nicaraguanische Staat unverändert 2,8 Prozent des BIP in Bildung investiert. Es fehlt an Transparenz und Effizienz bei den Ausgaben. Die Arbeitsbedingungen und die Ausbildung der Lehrpersonen muss verbessert werden, ebenso die Infrastruktur und der Zugang zu technischen Mitteln, etwa Internet und Bibliotheken. 

Sáenz findet klare Worte, wo andere lieber schweigen. Im aktuellen politischen Kontext in Nicaragua wird Kritik schnell zum persönlichen Risiko. Der Prozess der schleichenden Entdemokratisierung hat im Wahljahr 2016 erschreckende Ausmasse angenommen: Oppositionelle Demonstranten werden auf der Strasse zusammengeschlagen und im Juli dieses Jahres wurden Parlamentarier/innen der Oppositionsparteien per Dekret ihrer Aufgaben enthoben, darunter der Abgeordnete Enrique Sáenz.

Herzenshaltung bewegt
Auch deshalb sagen die Sätze, die  die Lehrerin Zulma in der Luft hängen lässt, mehr aus, als was sie tatsächlich sagt. Zulma unterrichtet vormittags an einer Privatschule, die von der Organisation Fe y Alegria (FyA) betrieben wird, nachmittags an einer öffentlichen Schule. An beiden Orten betreut sie Klassen mit bis zu fünfzig Schülern/-innen, maximal zwei pro Klasse leben mit einer Behinderung. Das Schulmaterial ist rar; die Kinder lernen an Stühlen mit integrierter Schreibfläche, Stift und Heft. Zulma hat lange Arbeitszeiten, wenig Lohn und minimale Sozialleistungen.

Unter solchen Bedingungen ist inklusive Bildung eine Herkulesaufgabe. Trotzdem seien die Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Institutionen frappant: Während FyA sein Lehrpersonal regelmässig weiterbildet und gemeinsame Werte pflegt, fehle dies im öffentlichen System. «Meine Kollegen und Kolleginnen an der öffentlichen Schule kümmern sich nicht, die Kinder sind präsent, aber nicht im Unterricht integriert», erklärt sie. Zulma ist davon überzeugt, dass Integration von Kindern mit Behinderungen an der Herzenshaltung der Beteiligten scheitert.

Am Anfang steht die Familie
Diese Ansicht teilt sie mit Lenoska Gutiérrez, von der Abteilung für Bildung im Schulalter bei Los Pipitos. Los Pipitos ist eine Vereinigung von Eltern, deren Kinder mit einer Behinderung leben. Die Organisation ist landesweit tätig und bietet medizinische Abklärung, Therapien sowie Weiterbildung und Sensibilisierung für Eltern und Gemeinden an.

«Inklusive Bildung ist erfolgreich, wenn die Eltern engagiert sind, deshalb fokussieren wir auf die Familien. Wir erklären ihnen ihre Rechte und wie sie sie einfordern können», sagt Gutiérrez. Die Thematik sei komplex, weil sie viele Akteure/-innen involviere. Insbesondere auf die öffentlichen Institutionen hätten sie als Nichtregierungsorganisation keinen Einfluss. Lehrpersonen haben nicht genügend Ressourcen und Fachkenntnisse, um Schüler/innen mit Behinderung zu integrieren. Die Ansicht, diese gehörten in eine Sonderschule, ist weit verbreitet.

Der erste Schritt auf dem Weg zur inklusiven und hochwertigen Bildung für alle ist gemäss Gutiérrez ein Sinneswandel bei den beteiligten Personen. Eltern, Kinder, Lehrpersonen und Entscheidungsträger/innen müssten das Recht auf Bildung anerkennen und anstreben; sie sollten Kinder mit Behinderung in Alltag und Schule unterstützen, damit diese später grösstmögliche Selbstständigkeit erreichen könnten. 

Wenn der Zugang zu Bildung nicht nur Politikum, sondern ein privates Anliegen aller wird, bleiben die Realitäten von Argeniz und Zulma nicht Einzelfälle, sondern machen Schule.


Artikel aus dem WENDEKREIS, März 2017

 

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