«Entwicklung ist nicht gleich Wachstum»

Josef Estermann, Bild für Seite mit Newsletter zu Entwicklung
Luzern, 1. April 2016. Die Entwicklungszusammenarbeit (EZA) und der Begriff «Entwicklung» geraten immer stärker in die Kritik. Im Norden wird eine positive Entwicklung meistens mit wirtschaftlichem Wachstum gleichgesetzt. Doch geht es uns Menschen wirklich besser, je mehr Geld wir haben? Josef Estermann, Leiter Bereich Bildung & Grundlagen bei COMUNDO, spricht im folgenden Interview über alternative Entwicklungsansätze und die neu lancierte Kampagne von COMUNDO zum Thema «Entwicklung».
Unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund streben Menschen nach Entwicklung. Entwicklung ist sozusagen ein Merkmal des Lebens. Wieso steht der Begriff trotzdem zunehmend unter Druck?
Josef Estermann: Tatsächlich hat der Entwicklungsbegriff seinen Ursprung in der Biologie und Psychologie. Doch ab dem 19. Jh. ist er in der abendländischen Moderne immer mehr aus dem organischen Kontext herausgewachsen. Heute transportiert er vor allem moderne abendländische Werte und Zivilisationsvorstellungen: die Idee, dass Wachstum notwendig und keine andere Welt denkbar sei. Doch längst nicht alle Kulturen haben ein lineares Zeitverständnis, das mit stetigem Wachstum verknüpft ist. In traditionellen Volkskulturen, insbesondere in Schwellenländern wie China oder Indien, gibt es viel Widerstandspotential gegen die vorherrschenden Wirtschafts- und Fortschrittsgedanken des Westens: So spricht man z.B. im Königreich Bhutan seit 1972 ganz offiziell vom «Bruttonationalglück» statt vom Bruttoinlandprodukt (BIP). Auch in der afrikanischen Lebensphilosophie Ubuntu hängt das Wohlbefinden der Einzelnen vom Wohlbefinden der Gemeinschaft ab und nicht vom materiellen Besitz.

Wie steht COMUNDO als Organisation der Personellen Entwicklungszusammenarbeit (PEZA) zum Entwicklungsbegriff?
Wir haben eine Kampagne zum Thema «Entwicklung» lanciert und setzen uns intensiv mit dem Begriff auseinander, sowohl in unseren Einsatzländern wie auch hier in der Schweiz: Was verstehen wir unter «Entwicklung»? Wer entwickelt sich wohin, mit welchem Ziel und welchen Mitteln? Möchten wir den Begriff überhaupt aufrechterhalten oder ersetzen wir ihn z.B. durch «Globale Weltgestaltung»? Als PEZA-Organisation geht unsere Motivation über das Entwicklungsziel im Sinn von Wachstum hinaus: Wir möchten die Welt gemeinsam mit der Bevölkerung vor Ort auf Augenhöhe gestalten, Potential entfalten und einen achtsamen Umgang miteinander und der Natur pflegen. Vor diesem Hintergrund leisten wir einen Beitrag zu einem alternativen Entwicklungsansatz. Zum Start der Kampagne organisieren wir im Mai dieses Jahres in unserem Bildungszentrum RomeroHaus die Themenwoche «Die Zukunft die wir wollen».

Die Themenwoche legt den Fokus auf Alternativen zur Entwicklung, bzw. auf das Glück, genug zu haben (Suffizienz). Was ist damit genau gemeint?
Grundsätzlich geht es um das Gleiche wie bei alternativen Ansätzen in traditionellen Kulturen. Der gemeinsame Nenner ist die Idee einer Balance, eines Gleichgewichts im wirtschaftlichen, sozialen, politischen, kulturellen und spirituellen Bereich. Die Welt wird als ein grosser Organismus verstanden, bei dem alles miteinander verbunden und voneinander abhängig ist. Es geht auch um das Bewusstsein, dass die Ressourcen begrenzt sind und wir sie folglich gut verteilen und möglichst haushälterisch mit ihnen umgehen sollten. In Europa kommt das Ideal der Suffizienz immer mehr auf. Im Zentrum steht die Frage, wie viel wir für ein würdiges und glückliches Leben wirklich brauchen.

Inwiefern trägt ein Lebensstil im Sinne von «Mehr mit Weniger» zu mehr globaler Gerechtigkeit bei?
Gerechtigkeit ist nur möglich, wenn ein Ausgleich stattfindet. In reichen Ländern wie der Schweiz können wir nur deshalb auf so grossem Fuss leben, weil viele Menschen in südlichen Ländern mit deutlich weniger auskommen müssen. Suffizienz hat aber auch mit klugem Eigeninteresse zu tun: Wenn die Umweltverschmutzung und die weltweiten sozialen Ungleichheiten weiterhin so stark zunehmen, hat das auf die Menschheit insgesamt und die einzelnen Menschen verheerende Auswirkungen. Das bedeutet jedoch nicht, sich für die Rettung der Erde aufzuopfern, sondern neuen Lebensmodellen den Vorrang zu geben: eine Entschleunigung des Alltags, ein Mehr an Zeit, Befreiung von überflüssigen Besitztümern, etc. Eine bewusste Lebensplanung kann neue Möglichkeiten eröffnen, ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit verleihen und zu mehr Lebensqualität führen.

Könnte im «Glück, genug zu haben» unsere Zukunft liegen?
Alternative Ansätze sind Inseln im Meer einer anders funktionierenden Welt und auf globaler Ebene schwierig umsetzbar. Auf einer begrenzten lokalen Ebene gibt es jedoch schon heute viele positive Beispiele von solidarischer Landwirtschaft, Nachbarschaftshilfe, unentgeltlichem Engagement für Pflegebedürftige, Kinder, ältere Menschen, etc. Längerfristig brauchen wir für einen Systemwechsel Ökonomen/innen, die global Alternativen denken wie z.B. das bedingungslose Grundeinkommen, die in Lateinamerika beheimatete Solidarökonomie als Wirtschaftsform, die nicht auf Wettbewerb, sondern auf Solidarität setzt, oder die globale Commons-Bewegung, die den gemeinsamen Besitz an Gütern ausweiten und die Welt damit ein Stück weit der Logik der Gewinnmaximierung entziehen möchte.

Welche weiteren Aktionen und Veranstaltungen sind im Rahmen der Kampagne geplant?
Neben der Themenwoche «Die Zukunft die wir wollen» bilden die «Kompakttage Entwicklung» im September 2016 einen weiteren Meilenstein der Kampagne. Sie richten sich mit einem internationalen Symposium an ein Fachpublikum. Während der Kompakttage möchten wir das Thema mit der Gestaltung von Murales (Wandmalereien) schweizweit auch auf künstlerische Weise bearbeiten. Schliesslich ist COMUNDO 2017 Wettbewerbspartner des COMIC-Festivals FUMETTO zum Thema «Entwicklung».


Interview: Simone Bischof, COMUNDO